19.01.2007, 09:12
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Grönemeyer knödelt wieder
Zitat:
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Currywurst“ ist lange her: Der Seelensänger sinniert in einer Hymne über Gott und die Welt
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Zitat:
Berlin
– Wer aus Gewohnheit noch beim Frühstück Radio hört,dem kann es nun wieder passieren, dass ihm etwas aus dem
Mund fällt. Herbert Grönemeyer singt wieder ein neues Lied.
Schon das gilt als Ereignis nationaler Tragweite, der Titel weist
bereits hinaus ins typisch Grönemeyersche:
Während „Lied 1“ das Bodenständige des Bochumers
betont, erhebt sich hinter dem Gedankenstrich der Nachsatz
„Stück vom Himmel“, das den engagierten Weltbürger verrät.
Wenn dann die Hymne losbricht, ringt der Mensch gemeinsam
mit dem Vorsänger um Fassung. Die Musik erspart einem
keine dramatisch bebenden Gitarrenfundamente.
Flinke Läufe auf dem Flügel mahnen angesichts
der Weltlage zur Eile. Vom Orchester wird die Botschaft
unterstrichen, allerdings nicht, ohne Trost zu spenden.
Grönemeyer singt: „Ein Stück vom Himmel/ Ein Platz von
Gott/ Ein Stuhl im Orbit/ Wir sitzen alle in einem Boot/ Hier
ist dein Haus/ Hier ist was zählt/ Du bist überdacht/ Von einer
grandiosen Welt.“ Und wie der Seelensänger singt! Die Stimme
scheint mit seinen sich selbst auferlegten Aufträgen zu wachsen.
Bis zum 2. Februar muss sich das Land auf ungewohnte
Weise mit dem reinen Lied begnügen.Erst dann wird es Bilder
geben, das Cover einer Maxi-Single. Es erinnert an die Zwanzigerjahre,
an das Bauhaus, anTelefunken-Werbung und die
frühe deutsche Popmusik. Man kennt ja diese Theorie,
die den Deutschpop mit den Nazis, ihrem Zivilisationsbruch
und dem Exodus der originellsten Songschreiber erklärt. Das
ist nicht falsch. Aber es gab durchaus Momente, die den
deutschen Schlager oder Popsong rehabilitierten. Udo Lindenberg
während der Siebzigerjahre, Peter Hein und seine Fehlfarben
oder Die Ärzte. Herbert Grönemeyer selbst hat hinreißende
Verse an die Currywurst und seine Heimatstadt gerichtet
und zuletzt an seine früh verstorbene Frau sowie sich selbst
als öffentlichen Hinterbliebenen. Das klang zwar holprig, aber poetisch
und berührend. Des missratenen WM-Songs „Zeit, dass
sich was dreht“ hat sich ein gnädiges Kollektivgedächtnis längst
entledigt. Und nun so ein Hymnus, dieses
Übermaß an Überwältigung und Predigt: Grönemeyer knödelt
zum Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Ein Star entführt
das evangelische Erbauungslied gewissermaßen aus der
Kirche in die Radios. Es heißt, es werde viel zu viel geglaubt und
zu wenig erzählt, geteilt und leicht gemacht. Ein Stück des
Himmels übernimmt deshalb ein Hit, der mit der Frage endet:
„Die Erde ist freundlich/ Warum wir eigentlich nicht?“ Vielleicht
hat uns das Frühstück nicht geschmeckt.
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Quelle: Welt Kompakt vom 19.01.2007
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Always be a first-rate version of yourself, instead of a second-rate version of somebody else.
Judy Garland
fefe
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