Thema: Song "Trauer"
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Alt 18.03.2003, 14:01   #80
Henner
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Trauer hat mich zu einer Kolumne inspiriert.
Hab als Lokalredaktorin das «vergnügen» alle Monate einmal etwas von mir zu geben . . .


«Menschen sind zu traurig»

Die Kriegspläne der Amerikaner bedrücken Europa. Der bevorstehende Krieg lässt die Menschen enger rücken, alte Werte werden wieder hochgehalten. Ja, so ist das. Und wers nicht glaubt, der darf ruhig mal eine Woche lang meinen Briefkasten leeren. Es vergeht beinahe keine Woche ohne freudeheischende Hochzeitsanzeigen. Und Kinder werden auf Teufel komm raus gezeugt. Aber das sollte ja nicht das Thema dieser Kolumne sein.

Nein, ein anderer Mensch hat mich dieser Tage bewegt. Ein Mann, der mich seit Jahren begleitet, tröstet und aufrichtet. Richtig: Herbert Grönemeyer. Nein, ich werde ihn nicht heiraten. Eine andere Schweizerin hat das Rennen gemacht. Aber das soll nicht Thema dieser Kolumne sein.

Herbert Grönemeyer gab ja vor einigen Monaten sein Come-back nach vier Jahren Trauer im englischen Exil. Nun hat er die Kurve gerade noch erwischt und mit dem Album «Mensch» für mächtig Furore gesorgt. Dass nun jedermann plötzlich altgedienter Fan von Herbert ist, habe ich an dieser Stelle bereits einmal beklagt, auch dies ist nicht Thema dieser Kolumne.

Mein Herbert hat dieser Tage ganz still und leise eine CD auf den Markt gebracht, von der die breite Masse kaum Notiz nehmen wird. Gemeinsam mit dem Schweizer «World Quintett» (vormals Kol Simcha) hat er die Silberscheibe herausgegeben. Herbert singt bloss ein Lied auf der CD, das hat es aber in sich. «Trauer» haut den stärksten Mann um. Nicht etwa weil es von Herbert gesungen wird. «Liegt der Nebel müde auf den Strassen / und der Regen rinnt und rinnt / Menschen sind zu traurig, um sich noch zu hassen / und es hüstelt irgendwo ein Kind.» Heisst eine Strophe. Für einmal betätigte sich nicht Herbert als Songwriter. Nein, ein Mädchen, das mit 15 Jahren sein Leben lassen musste, verfasste das Gedicht. Wäre Selma Meerbaum-Eisinger nicht von den Nazis umgebracht worden, sie hätte es zu Weltruhm gebracht. Da bin ich überzeugt. Mein «Gwunder» war geweckt. Ich wollte mehr wissen über das jüdische Mädchen. Auf dem Internet fand ich, was ich suchte. Selma Meerbaum-Eisinger wuchs im rumänischen Czernowitz auf. In der zionistischen Jugendbewegung lernte sie Lejser Fichman kennen; ihm widmete sie ihre 57 Gedichte, niedergeschrieben auf losen Blättern. Der Einmarsch der Deutschen in Selmas Heimatstadt war der Anfang vom Ende. In einem Lager für jüdische Arbeitskräfte starb sie im Dezember 1942.
Die 57 Gedichte – eindringliche Zeugnisse gegen Krieg und Hass – konnten von ihren Freundinnen auf abenteuerliche Weise gerettet und später veröffentlicht werden.
Darunter auch «Glück»: «Sehnsucht hab’ ich / wohl nach dem Glück? / Nach dem Glück / Fragen möcht’ ich: Kommt es zurück? /
Nie zurück.»
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