Thema: Song "Trauer"
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Alt 15.03.2003, 20:54   #73
Menschenkind
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Ich hab den Artikel der Badischen Zeitung im Netz gefunden:

Groovy ins gelobte Land
Klassik, Jazz, Klezmer - die drei Welten des The World Quintets

Die Fans von Herbert Grönemeyer können dieser Tage auf einen schönen Gastauftritt des Sängers stoßen. Schon im Dezember hatten die Mitglieder des "World Quintet" bei ihrem fulminanten Konzert im Freiburger Konzerthaus eine Zusammenarbeit mit dem Echo-Gekrönten angekündigt. Diese kann man nun auf ihrer neuen CD bestaunen - zusammen mit der turbulenten, jüdischen bis jazzigen Musik des Quintetts.

Bekannt geworden ist die Gruppe eigentlich als "Kol Simcha". Und mit ihr bekannt geworden ist der Umkircher Klarinettenvirtuose Michael Heitzler. Früher spielten er und die anderen Musiker auf jüdischen Hochzeiten. Doch diese Tage sind vorbei. Von Heitzlers Wahlheimat New York aus hat die Gruppe die Konzertsäle der Welt erobert. Und deshalb hat sie sich den neuen Namen "The World Quintet" zugelegt.

Nach etlichen experimentellen Alben, nach Kollaborationen mit diversen Orchestern und ihren Beiträgen zum Film "Jenseits der Stille" ist der eigene Ton auf dem aktuellen Werk ausgereift. "Meine Vorbilder habe ich immer bei anderen Instrumenten geholt, was auch sehr zu einem eigenen Stil geführt hat", reflektiert Heitzler. "John Coltrane, aber auch Sonny Rollins und Charlie Parker haben eine große Bedeutung für meine Entwicklung gehabt. Ich bewege mich in drei Welten: Jazz, Klassik und Klezmer, und diese Stile gehen beim World Quintet nahtlos ineinander über."

Auch Schlagzeug-Kollege David Klein will sich auf den Klezmer nicht festlegen lassen: "Was heutzutage als Klezmer gilt, langweilt mich. Nur die historischen Aufnahmen aus den zwanziger und dreißiger Jahren, die melodisch und rhythmisch zum Teil sehr fortschrittlich waren, finde ich enorm interessant."

Für das neue Album haben sie sich mit den Mozart Players ein, so Klein, "großartiges, engagiertes und mutiges Ensemble", an Land gezogen. Von großflächigen, symphonischen Intermezzi aus der Feder des Pianisten Olivier Truan bis zu rasanten, verjazzten Bulgars und Polkas reicht das Repertoire. Bei Letzteren wird auch schon mal Moses Tribut gezollt: "Denn der hat sein Volk ja einigermaßen groovy ins gelobte Land geführt!" Kammermusikalisch Bewanderte werden bei "The Chase" mit der Zunge schnalzen, wenn Heitzler mit dem Flötisten Ariel Zuckerman, dem Neuzugang der Band, atemlose Kapriolen schlägt. Ein Gegengewicht zu den spritzigen Nummern setzen meditative, in sich gekehrte Klarinettenstücke wie das "Lied ohne Worte".

Worte allerdings gibt es zum ergreifenden Höhepunkt: der Vertonung eines Gedichtes von Selma Meerbaum-Eisinger, der in einem SS-Arbeitslager gestorbenen Nichte von Paul Celan. "Von Anfang an konnte ich mir hier nur Herbert vorstellen, von dem ich überzeugt war, dass er als Einziger die nötige Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Authentizität mitbringt", beteuert David Klein. "Ich habe ihm also unsere CDs und die Lyrik geschickt und er war so begeistert, dass er sofort zusagte. Die Zusammenarbeit mit ihm war schlicht und ergreifend atemberaubend und sehr bewegend." Nach dieser Erfahrung will Klein von seiner Heimatstadt Basel aus ein ganzes Eisinger-Projekt mit deutschen Popstars starten. Stoff für die nächste Arbeitsphase des World Quintets, für die auch Michael Heitzler seine Wahlheimat New York saisonal wieder verlassen muss.

In der dortigen Szene fühlt der Klarinettist sich übrigens pudelwohl: "Man kann hier selbst auf irgendwelchen zweitklassigen Hochzeitsparties mit großartigen, wenn auch unbekannten Musikern aus allen Genres spielen. Die Einstellung zum Spielen hier ist sehr intensiv, man spielt immer ums Leben, mit vollem Einsatz und Risiko." Aber gibt es bei all der Weltgewandtheit noch etwas, das Heitzlers Musik nach all den Jahren seiner badischen Herkunft verdankt? "Der Leiter unserer Blaskapelle in Umkirch hatte damals ein Faible für böhmische Polkas. Die richtig zu spielen ist gar nicht einfach und man braucht ein ganz bestimmtes Gefühl für die verschiedenen Tempi und Verzögerungen. Und dieser Polka-Rhythmus ist ja auch im Klezmer sehr wichtig."

Stefan Franzen


- Die CD "The World Quintet" ist bei Enja Records erschienen. Das nächste Konzert des World Quintet in der Regio ist im Burghof Lörrach am 6. Mai.






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