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Estación del Silencio
Registriert seit: 24.11.2002
Beiträge: 2.323
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AW: Wahlkampf in Amerika
Zitat:
ich möchte auch nochmal anzweifeln, dass z.b. herbert grönemeyer irgendwas besser in worte fassen kann als ich
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Große Worte, Mocca .... davon habe ich in diesem Themenblock noch nicht viel gesehen ...
Zitat:
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weils bei dem einen um gefühle geht und politik in meinen augen nicht viel mit gefühlen zu tun hat...
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... und genau deshalb ist die Politik dort, wo sie jetzt ist ... nahezu am Ende!!!
Vielleicht geht es vielen recht gut, zu gut ... und ein Hineinversetzen in andere Lebenssituationen fällt ihnen schwer (oder ist einfach unmöglich) ... dann kann selbst dieser Bericht nichts mehr ändern, das ist richtig ....
Luxus (trotz allem  )
Glaub keinem, der Dir sagt, dass Du nichts verändern kannst.
Die, die das behaupten, haben nur vor der Veränderung Angst.
Es sind dieselben, die erklären, es sei gut so, wie es ist.
Und wenn Du etwas ändern willst, dann bist Du automatisch Terrorist.
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Ich versuche mal für all diejenigen, die nicht die innere Ruhe haben, den ganzen Artikel zu lesen, einige (mir) wichtige Passagen herauszusammeln ... vielleicht motiviert das Lesen des kürzeren Textes, ebenfalls mit einzusteigen:
Sieht zwar nicht kürzer aus, ist aber jetzt ungefähr nur halb so lang und inhaltlich identisch!!!
Wahlkampf in Amerika (gekürzte Fassung)
10. August 2004
Es fällt auf, daß von den deutschen Popmusikern niemand etwas gegen Hartz IV sagt oder gar deswegen auf die Straße geht. Das mag damit zusammenhängen, daß die meisten sich um ihre eigene Existenz keine Sorgen machen müssen und auch deren Kinder wohlversorgt sind. Doch es muß noch einen anderen Grund dafür geben.
Früher war ihnen mancher Anlaß recht, sich öffentlich zu Wort zu melden, auch wenn sie davon direkt gar nicht betroffen waren. Aber die etablierte Garde, die in der Öffentlichkeit am zuverlässigsten Gehör findet, hat sich nach ihrer anarchisch-frechen Phase der siebziger und frühen achtziger Jahre parteipolitisch mittlerweile festgelegt; und die nachwachsende Generation, die noch an Sozialkritik interessiert ist, kann in Zeiten der Aufsplitterung der Stile die Mehrheit nicht mehr erreichen.
Man könnte sagen, die älteren Musiker sind erwachsen geworden wie das rot-grüne Lager, dem sie in der Regel zuneigen. Einige stehen sogar mit dem Bundeskanzler im Duz-Verhältnis. Was sollen Marius Müller-Westernhagen oder Wolfgang Niedecken da auch sagen gegen den sich als Reformwerk tarnenden Sozialabbau?
Es dürfte aber noch einen anderen Grund für dieses peinliche Schweigen geben: den Mangel an Volkstümlichkeit. Die deutschen Popmusiker waren und sind viel zu sehr mit dem Unterschied zwischen sich und denen beschäftigt, die nicht so reich und berühmt sind wie sie, als daß sie sich auch noch um Arbeitslose kümmern könnten. Lieber reden sie über die deutsche Neidgesellschaft, die hier jedem das Berühmtsein so schwermache.
Man muß sich diesen Sachverhalt, der vielleicht eine nationale Spezialität ist, vor Augen führen, wenn man verstehen will, was die amerikanischen Popmusiker immer wieder zu politischem Engagement bewegte. Zu Mitte der achtziger Jahre gab es nicht nur Projekte wie "Band Aid", die sich der Bekämpfung des weltweiten Hungers verschrieben hatten, sondern auch solche, die ein nationales Anliegen hatten wie beispielsweise "Farm Aid", die Konzertreihe, bei der Musiker wie Willie Nelson, Bob Dylan, Neil Young und John Mellencamp mitmachten. Die Einkünfte kamen den amerikanischen Bauern zugute, die unter Reagans Politik verarmt waren. Es verstand sich von selbst, daß dabei auch patriotische Töne laut wurden; niemand fand etwas dabei, von einer Vision für sein Land zu sprechen, in die auch jene Bevölkerungsteile miteinbezogen wurden, die dem traditionell linksliberalen Milieu der Popmusik fernstanden.
Dieser Tage hat der amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen in einem von mehreren Zeitungen veröffentlichten Artikel angekündigt, daß er sich der Bewegung "Vote for Change" anschließend will, die im Herbst zu einer prominent besetzten Tournee durch das ganze Land führen wird. Der Musiker, der bei Kampagnen normalerweise reserviert ist und sich nicht vereinnahmen läßt, begründet seine Teilnahme mit der Sorge um den "Gesellschaftsvertrag", der durch die fortwährende Spaltung in Arm und Reich gesprengt werde.
Man müsse zu gegenseitiger Achtung, Wahrhaftigkeit, Treue und Verläßlichkeit zurückfinden: "Darin zeigt sich unsere Seele als Nation und Individuen." Ein solches Bekenntnis, das deutschen Popmusikern aus mehreren Gründen nicht über die Lippen käme, muß man vielleicht nicht beim Nennwert nehmen; aber es ist insofern aufschlußreich, als sich darin ein Gemeinsinn ausdrückt, der auch in Amerika geschwächt sein mag, der aber in Deutschland nahezu verschwunden ist.
Dieser Gemeinsinn, der eine Nähe zu den Unterpriviligierten notwendigerweise einschließt, konnte sich in der amerikanischen Populärkultur deswegen erhalten, weil er teilweise deren Fundament bildet. Woody Guthrie besang das "Union Feeling". Springsteen hat die Nähe zum Kleinbürger- oder Proletariertum nie gescheut - im Gegenteil, seine besten Songs handeln von dessen Sorgen, die irgendwann nicht mehr seine eigenen waren, und von deren Idealen, die er nie aus den Augen verlor. Seine Lieder sind voller Sympathie für Menschen, die nach Feierabend ihr Auto waschen ("Racing In The Street"), und für die Arbeiter, deren Glück in der Beschaulichkeit und in gesellschaftlicher Anerkennung besteht ("Independence Day"). Was in Deutschland als spießbürgerlich bloßgestellt würde, wird hier zum Entwurf richtigen Lebens.
In Deutschland gibt es für dergleichen Gedankengut keine populäre, unideologische Plattform; in der Volksmusik, die hier den Ton angibt, sind gesellschaftspolitische Aussagen nicht vorgesehen. Man muß, um mit dergleichen Beachtung zu finden, zu Sabine Christiansen gehen, wo man sich dann niederbrüllen lassen darf.
Und dieser Geist wird im Herbst über das Land kommen und soll George W. Bushs Wiederwahl verhindern. Es ist kein Zufall, daß viele von denen, die mitmachen beim "Vote For Change", der folk oder roots music nahestehen oder sogar aus ihr kommen: John Fogerty (ehemals "Creedence Clearwater Revival"), James Taylor, "R.E.M.", Jackson Browne und eben Springsteen. Vermutlich wird es dabei nicht ohne Sozialromantik und auch nicht ohne Kitsch abgehen. Aber Amerikas Popmusiker können sich, im Gegensatz zu den deutschen, die höchstens noch für Radioquoten kämpfen, den Luxus leisten, sich damit zu befassen.
Geändert von Luxus (16.08.2004 um 11:53 Uhr).
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