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AW: Herbert bei Buchpremiere 'Zephyr'
Grönemeyer liest Ostermaier / Egbert Tholl
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 25.02.2008
Hat er wirklich gelesen? Es ist eine halbe Stunde vor Mitternacht, man steht vor dem Marstall-Theater, die einen überlegen, ob sie sofort ins Schumann’s gehen, die anderen, ob sie in die geschlossene Phalanx eines bestimmten Teils der Münchner Medien- und Kulturgesellschaft eindringen sollen, da tauchen aus dem Dunkel der Nacht versprengte Gestalten auf, die nur eines wissen wollen: Hat er wirklich gelesen? Zuvor, drinnen im Marstall, fühlte sich sein Auftritt weit weniger sensationell, aber darum nicht weniger reizend an, als es das öffentliche Interesse wahrhaben wollte. Albert Ostermaier präsentierte seinen ersten Roman „Zephyr”, besser gesagt: ließ ihn präsentieren, in einer verdichteten, ein klein wenig theatral eingerichteten Fassung für fünf wunderbare Schauspieler, Nina Kunzendorf, Thomas Thieme, Stefan Hunstein, Axel Milberg und eben Herbert Grönemeyer. Für Ostermaier war die Anfrage, der Grönemeyer sofort zusagte, nichts weniger als naheliegend gewesen: Ein Rocksänger sollte einem anderen Rocksänger seine Stimme in der Lesung leihen. „Zephyr” ist ein Roman übers Schreiben, über die Liebe und über die Sehnsucht, einmal so große Gefühle zu haben, wie sie ein öffentliches Paar vorlebte. Vor einigen Jahren erschlug Bertrand Cantat, Sänger der Rockband Noir Désir, Marie Trintignant im Eifersuchtsrausch; nun macht sich der Drehbuchautor Gilles, umschwirrt von seinem Freund Costello und begleitet von seiner Gattin Cathy, auf zur Recherche ins Herz einer tödlichen Leidenschaft, die immer mehr seine eigene werden wird, werden soll, weil zwischen ihm und Cathy nichts mehr herrscht außer Stillstand und Überdruss. Gilles borgt sich Bertrands Emotionen und verschwindet in einer aus Filmen zusammengebastelten Realität, aus der ihn zuerst Costello und dann ein Kommissar zurückzuholen versuchen. Herbert Grönemeyer ist Cantat, unauffällig, sympathisch, und er ist auch Grönemeyer, wenn er davon spricht, wie eine Kugel ins Herz knallt. Nina Kunzendorf ist Marie und Cathy, doch durch jedes ihrer Worte schimmert eine ihrer Bühnenfiguren an den Kammerspielen hindurch. Jeder, der hier bewusst zurückgenommen liest, steht auch für das, was er sonst als Schauspieler macht. Das ist das Faszinierende dieser Lesung, die ein viel weniger blasiertes Publikum verdient hätte. Thomas Thieme bereitet als Erzähler einen rauen Untergrund, in dem sich die anderen festkrallen, auf dem Axel Milbergs schlitzohriger Costello Halt findet und Stefan Hunsteins in sich eingemauerter Gilles ihn zunehmend verliert. Am Ende verdichten sich wie in einer fünfstimmigen Fuge alle Stränge, alle Personen, die Grenzen verschwimmen. Hat Grönemeyer gelesen? Er hat. Als einer von fünf, die kein gesellschaftliches, sondern ein künstlerisches Ereignis schufen.
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